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Kitaessen

Warum Kochen für Kinder?

Ob ich mich gesund ernähre – darüber habe ich mir erst Gedanken gemacht, als ich schwanger wurde. Was ich aß, hatte unmittelbar Einfluss auf mein Kind. Als es losging mit der Beikost, achtete ich auf Bio-Zutaten, in unserer Berliner Kita wurde frisch und vernünftig gekocht. Doch dann zog ich von der Stadt aufs Land.

Mit einem Jahr kam meine Tochter in eine Berliner Kita. Unterstützt von einer Hauswirtschaftskraft kochte dort täglich eine Köchin für mehr als hundert Kinder. Von der Mini-Gruppe, in der meine Tochter war, hieß es liebevoll, sie seien die „Piranhas“, denn die Kleinen aßen mehr als die Großen und fast immer wurde Nachschlag aus der Küche geordert. Montag war Nudeltag, donnerstags gab es Suppe und einen süßen Nachtisch wie Milchreis und freitags immer Fisch.

Nach unserem Umzug von Berlin nach Schleswig-Holstein wurde mir klar, dass eine Köchin, der man schon morgens im Kindergarten beim Kartoffelschälen zuschauen kann, eine große Ausnahme ist. In der neuen Kita ab es zum Mittagessen drei- oder sogar viermal die Woche Fleisch – darunter Currywurst und Chicken Nuggets –, nur einmal im Monat Fisch und an manchen Tagen mittags sogar gar kein Gemüse.

Die meisten Kinder wissen nicht, von wem und wie ihr Essen zubereitet wird.

Fast alle Einrichtungen in unserer Kleinstadt bekommen ihr Essen von unterschiedlichen Caterern geliefert. Die meisten Kinder wissen also nicht, wer ihr Mittagessen kocht. Die Mahlzeiten werden bis zum Verzehr warmgehalten und oft in großen Mengen weggeworfen, weil es den Kindern nicht schmeckt. In unserem Berliner Kindergarten haben die Erzieherinnen mitgegessen und dabei ganz nebenbei vorgelebt, dass erst alles probiert wird, bevor man entscheidet, ob es einem nicht schmeckt. Das Essen wurde von allen wertgeschätzt, gerade auch, weil jeder wusste, dass es die Köchin gekocht hatte.

Mehr als jedes zehnte Kind startet mit Übergewicht ins Schulleben

Etwas in Panik geraten bin ich, als ich die Speisepläne in der neuen Kita meines Einjährigen gesehen habe, der Gemüse eher skeptisch gegenüber steht. Wenn jedoch Gleichaltrige mit Begeisterung Paprika und Gurke verspeisen, dann möchte mein Kind das ebenfalls. Die Kita ist ein wichtiger Bildungsort, frühes Lernen und Forschen, sogar MINT-Bildung wird entsprechend gefördert, wie etwa von der Stiftung Haus der kleinen Forscher. Was jedoch beim zügigen Ausbau der Ganztagsbetreuung vergessen wurde, ist die elementare Rolle der Kita für die Ernährungsbildung. Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern würden besonders profitieren, denn sie besitzen ein größeres statistisches Risiko, übergewichtig zu werden. Mehr als jedes zehnte Kind startet in Norddeutschland mit Übergewicht ins Schulleben, in den anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus.

Wenn Kinder ab einem Jahr nicht mehr zuhause, sondern in einer Gemeinschaftseinrichtung betreut werden, dann ist nicht nur die Qualität der Betreuung, sondern auch die Qualität des Essens elementar. Wenn ich mit dem Bürgermeister unserer Kleinstadt darüber spreche, dann erzählt er mir, dass der Haushalt dieses Jahr so knapp auf Kante genäht ist, dass sogar wichtige Schulsanierungen verschoben werden müssen. Er scheint froh, dass die Kitas und Schulen überhaupt ein Catering haben, und so lange sich niemand beschwert, gibt es keinen Anlass, über Verbesserungen nachzudenken.

Es gibt keine bundesweiten Standards für die Gemeinschaftsverpflegung

Viele Kommunen haben kein Geld und wahrscheinlich auch kein gesteigertes Interesse, Personal für die Mittagsverpflegung an ihren Schulen und Kitas einzustellen. Vielleicht liegt es daran, dass gesunde Ernährung eher ein Frauenthema ist, weil sich Mütter mit Beginn der Schwangerschaft und dann noch einmal mit Beginn der Beikost intensiv damit auseinandersetzen müssen, und die politischen Ämter auf kommunaler Ebene, die über die Gemeinschaftsverpflegung entscheiden, meist Männer innehaben. Wahrscheinlich wird die Bedeutung der Hauswirtschaftskräfte aber auch deswegen ignoriert, weil alle Beteiligten froh sind, wenn sie überhaupt die gesetzlich einklagbaren Kitaplätze anbieten können. Und so lange gesundes Mittagessen in Schulen und Kitas dem Zufall überlassen wird, so lange wird sich vermutlich auch erst mal nicht viel ändern.

Denn das Problem ist: Es gibt keine bundesweiten Standards für die Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Kindergärten und Schulen. Es gibt Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), doch diese sind nicht bindend und vermutlich auch nicht allen Kitaleitungen und Kommunalpolitikern bekannt. Bei meiner Recherche zum Thema Gesundes Mittagessen in Schulen und Kitas bin ich auf die Aktion „Macht Dampf! Für gutes Essen in Kitas und Schulen“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gestoßen. Statt eines Gesetzes, das den Einrichtungen und Kommunen Mindeststandards für die Kinderernährung vorschreibt, finden Eltern hier Materialien, um selbst aktiv zu werden, und sich für gutes Essen an ihrer Schule oder Kita einzusetzen. Schön und gut. Doch es fehlt die Vernetzung der Eltern, die doch überall immer wieder die gleichen Probleme haben, und aufs Neue Qualitätsverbesserungen durchkämpfen müssen. Mir fehlt auch der nächste Schritt: Wenn klar ist, dass die Qualität des Essens unbefriedigend ist, wo bekomme ich dann eine gute Hauswirtschaftskraft her, die bei mir vor Ort mit Know-how eine Küche aufbaut, wo frisch gekocht wird?

Wo bekomme ich eine gute Hauswirtschaftskraft her, die frisch und lecker vor Ort kocht?

Noch dazu in Zeiten des Fachkräftemangels, in denen Köche und Hauswirtschaftskräfte so knapp sind, dass in Schleswig-Holstein sogar Restaurants schließen müssen. 2015 gab es in ganz Schleswig-Holstein nur 57 Auszubildende im Bereich Hauswirtschaft. Noch dazu reicht die Höhe der Elternbeiträge fürs Mittagessen manchmal gerade eben, um den Mindestlohn zu bezahlen.

Unsere Kita hat keine ausreichend großen Räumlichkeiten, um selbst zu kochen. Und da sie nur sehr wenige Essen benötigt, rechnet sich das wirtschaftlich nicht. Doch im Zusammenschluss mit anderen Einrichtungen vor Ort kämen genug Essen für eine Küche zusammen. Auch der Bürgermeister würde einen vernünftig vor Ort kochenden Caterer sofort engagieren – nur, woher nehmen?

Deswegen habe ich Kochen für Kinder gegründet: Um Eltern zu vernetzen und interessierte Gründer:innen beim Start einer eigenen Küche mit fachlichem Know-how und Praxiserfahrung zu unterstützen. Und um die vielen großartigen Menschen, die für unsere Kinder kochen oder sich für gute Gemeinschaftsverpflegung einsetzen, sichtbar zu machen.

Machen Sie mit!

Daher meine Bitte: Machen Sie mit, damit Kochen für Kinder erfolgreich wird! Teilen Sie diesen Artikel auf Instagram, Facebook, Twitter und erzählen Sie ihren Freunden davon. Ermuntern Sie den Koch oder die Hauswirtschaftskraft in der Kita oder Schule Ihres Kindes dazu, bei unserer Interviewreihe mitzumachen. Wir belohnen Sie mit leckeren Rezepten und spannenden Interviews.

Vielen Dank!

Charlotte Reimann, Initiatorin von Kochen für Kinder

PS: In der Hauptstadt tut sich etwas, was hoffentlich auf das gesamte Bundesgebiet und die Kitaverpflegung ausstrahlt, denn beim Schulessen in Berlin (das übrigens kostenlos ist) sollen zukünftig „saisonale Produkte verwendet werden. Anbieter erhalten auch Zusatzpunkte, wenn sie weniger Convenience-Produkte und mehr frische Zutaten verwenden.“ Hier geht’s zur Pressemitteilung